Das Leben im Sauerland aus Sicht einer Rollstuhlfahrerin

29.06.2022
Das Leben aus Sicht einer Rollstuhlfahrerin-pic1

Ein Gespräch mit Christina Riemer und der Brücke Südwestfalen gGmbH

Schuhe anziehen, die Treppe runter und ab ins Auto: zur Arbeit, zum Einkaufen oder zum Sport. Vermutlich sieht so der Alltag von vielen Menschen im Sauerland aus. Aber was, wenn die Beine nicht machen, was sie sollen, und ich im Rollstuhl sitze oder für jeden Schritt auf Gehhilfen angewiesen bin?

Christina Riemer kann wenige Schritte mit Gehhilfen zurücklegen, ist für längere Strecken aber auf einen Rollator, Rollstuhl oder ihr E-Mobil angewiesen. Ich treffe sie und ihre Assistentin Juliane Pilz, Leiterin „Unterstütztes Wohnen“ von der Brücke Südwestfalen, im Fitnessraum der Geschäftsstelle, weil üblicherweise jetzt dort ihre Yogastunde stattfindet.

Frau Riemer ist im Siegerland aufgewachsen und hat mit Anfang 20 den Schritt gewagt, von der elterlichen in eine eigene Wohnung zu ziehen. Heute wohnt sie im Zentrum von Olpe, arbeitet als Sekretärin im Krankenhaus und genießt ihre Selbständigkeit. Aber bis dahin war es ein steiniger Weg.

Hindernisse im Alltag
„Die Wohnungssuche war nicht einfach. Anfangs hatte ich zwar eine barrierefreie Wohnung, die lag aber am Berg und ich konnte sie nicht alleine verlassen. Für mich ist unabdingbar, dass sowohl die Wohnung als auch der Weg dorthin barrierefrei sind. Allein ein hoher Bordstein ist für Menschen im Rollstuhl eine Barriere“, so die 35-Jährige.

„Ich war einmal in Berlin, da habe ich die Menschen als sehr offen erlebt, aber hier im Sauerland fühle ich mich sehr wohl. Die Menschen in Olpe sind wirklich nett und ich bekomme jederzeit Hilfe, wenn ich danach frage. Es ist aber auch schon vorgekommen, dass mich jemand angehupt hat, weil ich auf dem Zebrastreifen länger gebraucht habe. Doch ich bringe den Leuten gerne Geduld bei.“ Sie lacht und nimmt es mit Humor. „Das ist, glaube ich, ein grundsätzliches Problem in unserer Gesellschaft. Nur Leistung zählt, niemand hat mehr Zeit, alles muss schnell gehen“, wirft Frau Pilz ein, „viele Leute sind ungeduldig, alles geschieht unter Zeitdruck und manche Menschen mit Assistenzbedarf benötigen bei einigen Dingen mehr Zeit. Das passt oft nicht in unsere Leistungsgesellschaft.“

Barrieren in den Köpfen führen zu Vorurteilen und Ausgrenzung
Frau Riemer erfährt durch die Brücke Südwestfalen sogenanntes unterstütztes Wohnen, was bedeutet, dass ihr jemand bei schwierigeren Tätigkeiten wie dem Einkaufen als Assistentin zur Seite steht. Sie ist gerne in Gesellschaft und nutzt viele Angebote der Brücke Südwestfalen, wie den monatlichen Stammtisch oder das Treffen der Frauengruppe. „Beim Einkaufen hatten wir schon öfter die Situation, dass mich jemand ansprach, obwohl die Frage an Christina gerichtet war“, erzählt Frau Pilz. „Dann reicht meist schon eine kleine Geste, um aufzuklären, dass Christina sehr wohl selber antworten kann.“ „Ich glaube, dass ein solches Verhalten bei vielen Leuten einfach Unsicherheit ist“, meint Frau Riemer. „Und manche Leute schließen auch von den Gehhilfen direkt auf eine intellektuelle Einschränkung, was natürlich völliger Unsinn ist. Ich wünsche mir, dass die Gesellschaft offener wird und es mehr Miteinander gibt. Jeder Mensch hat Stärken, warum also immer nur auf die Schwächen schauen und die Person auf ihr Handicap reduzieren?“

Fortschritte bei Inklusion und Barrierefreiheit
In den letzten Jahren hat sich im Bereich der Inklusion einiges bewegt und in Olpe kommt die junge Frau im Rollstuhl gut klar. In der vom Kreis Olpe unterstützten App Wheelmap Pro sieht sie ein hilfreiches Angebot für Menschen, die auf barrierefreie Zugänge zu Gebäuden und Orten angewiesen sind. Oft sind es nur Kleinigkeiten, die sich ändern müssen, um den Alltag von Menschen mit Unterstützungsbedarf zu vereinfachen, wie etwa die abgesenkten Randsteine bei einigen Parkbänken am Biggerandweg, die es Menschen im Rollstuhl ermöglichen, neben die Bank zu fahren, um Pause zu machen. „Von einer wirklichen Gleichstellung sind wir zwar noch weit entfernt“, meint Frau Pilz, „aber es gibt permanent Fortschritte. In Olpe arbeiten immer mehr Institutionen der Eingliederungshilfe sowie Menschen mit Assistenzbedarf, deren Angehörige und auch Politiker mit der Stadt und dem Kreis zusammen, um Chancengleichheit und Inklusion voranzutreiben. Es gibt unter anderem den örtlichen Unterstützerkreis, in dem sich Interessierte und Betroffene auf kommunaler Ebene engagieren können. Darüber hinaus machen verschiede Vereine wie der Verein für Menschen mit Behinderungen e.V. und die Arbeitsgemeinschaft der Selbsthilfegruppen im Kreis Olpe immer wieder auf die Belange von Menschen mit Unterstützungsbedarf aufmerksam.“

Politik und Gesellschaft
Auf die Frage nach ihren Wünschen an die Politik sprudelt es aus den beiden nur so heraus: „Wichtig ist, dass barrierefreie Wohnungen noch mehr gefördert und so erschwinglich werden – zu Mietpreisen, die sich auch Menschen mit Unterstützungsbedarf leisten können, da die Grundsicherung sehr niedrig ist“, ist für Juliane Pilz ein sehr dringendes Problem. „Außerdem sollte bei der Jobsuche individueller geschaut und unterstützt werden, und Menschen mit körperlichen Einschränkungen sollten mehr Möglichkeiten auf dem regulären Arbeitsmarkt bekommen“, fügt Christina Riemer hinzu. „Bei der Jobsuche habe ich oft erlebt, dass der potentielle Arbeitgeber befürchtete, dass ich aufgrund meines Handicaps öfter krank sein würde. Und bei der Wohnungssuche hatten manche Vermieter die Befürchtung, ich sei nicht selbständig genug und könne mich nicht alleine um die Wohnung kümmern. Das sind Vorurteile, die einfach falsch, diskriminierend und verletzend sind.“ Ein weiterer Punkt sind die Sonderanträge, die für viele Dinge im Alltag gestellt werden müssen, was sehr anstrengend und zermürbend ist und Menschen mit Unterstützungsbedarf einmal mehr in die Sonderecke stellt, wo sie gar nicht stehen möchten. „Wir freuen uns sehr über das ehrenamtliche Engagement so vieler Bürger, ohne die wir viele Projekte gar nicht in der Form leisten könnten“, schwärmt Frau Pilz, „es wäre super, wenn sich noch mehr Vermieter von barrierefreien Wohnungen bei uns melden würden!“

Soziales Miteinander mit dem Fokus auf Menschlichkeit
„Jeder von uns kann etwas dazu beitragen, dass der Weg zu einer wirklichen Inklusion schneller vorangeht. Einfach mal einen Gang zurückschalten und achtsamer mit sich und den anderen umgehen. Der Fokus sollte weg von der Leistung, hin zu mehr Menschlichkeit gelenkt werden“, fügt sie hinzu.

Achtsamkeit ist das Stichwort, wobei wir wieder beim Yoga wären und ich Platz für die Fitnessmatte mache.

© Originalbericht von Miriam Walkenbach (Auszug WOLL Sommer 2022 - 97)

© Bilder Miriam Walkenbach/Mario Polzer